Wie digitale Ansätze die Pflege finanzierbar und effizienter machen können

Geplagt von Inflationsangst und teurer Pflege?

Neben dem bekannten Personalmangel wird nun auch die Finanzierung der Pflege zur Herausforderung für vielen Angehörige und für Pflegebedürftige selbst, getrieben durch die rasante Inflation und steigende Pflegekosten. Wir sprachen über Herausforderungen und mögliche Lösungsansätze mit Kristian Eick, der als ehemaliger Geschäftsführer eines Pflegediensts ein Start-up mitgegründet hat.

Was ist Dein Hintergrund?

Ich bin seit 14 Jahren in der klassischen Pflege aktiv. Angefangen habe ich als studentischer Tourenfahrer und mich dann in sukzessive über die Jahre zum Geschäftsführer eines Berliner Pflegedienstes mit 60 Mitarbeitern hochgearbeitet. Da die Bedingungen in der Pflege für viele Pflegedienste in den letzten Jahren immer herausfordernder wurden – unter anderem beschleunigt durch den Fachkräftemangel – und ich mich nach einer Veränderung gesehnt habe, bin ich ausgestiegen und habe einen Neueinstieg in die Pflege gewagt: Mit vier Mitgründern habe ich ein neues Start-up gegründet.

Welche Motivation steht hinter eurem Start-up?

Laut letzter VDK-Studie bleiben aktuell mindestens 12 Milliarden Euro an finanziellen Pflegeleistungen jedes Jahr ungenutzt – nicht weil die bald sechs Millionen Pflegebedürftigen diese nicht für die Finanzierung Ihrer Pflege benötigen, sondern weil diese meist überfordert sind, diese a) zu verstehen und b) zweckgerecht zu beantragen. Die bürokratischen Hürden sind für viele Menschen zu hoch – insbesondere für Familien mit schwächerem sozioökonomischen Hintergrund. Das wollen wir ändern.

Wie habt Ihr die Lösung umgesetzt?

Durch meine eigenen täglichen Erfahrungen im Pflegedienst mit verunsicherten Patient:innen, aber auch durch die Berührungspunkte mit der Pflegebürokratie im Familienkreis meines Mitgründer Tim Bogdan, wollten wir eine einfache und skalierbare Lösung für pflegende Angehörige und Pflegebedürftige schaffen. Wir haben unsere Erfahrungen im Aufbau von digitalen Gesundheitslösungen gebündelt und entschieden, diese für die Verbesserung der Pflege zu nutzen. Wir wollen pflegenden Angehörigen und Pflegebedürftigen helfen, durch wenige einfache Fragen ihre Ansprüche zu prüfen und auszuspielen. Anschließend helfen wir mit zeitgemäßen Formaten wie Erklärvideos und Audio-Inhalten, die Ansprüche entlang eines einfachen Nutzerflows umzusetzen, bis hin zur qualitätsgesicherten Vermittlung an den für den Anspruch relevanten Leistungserbringer.

Wie ist euer Geschäftsmodell und wo steht Ihr bei der Umsetzung?

Wir sehen uns als zweiseitige Plattform rund um das Thema Finanzen in der Pflege – für Pflegebedürftige, Angehörige und Leistungserbringer. Da wir nicht an Patient:innen verdienen wollen, finanzieren wir uns über die Leistungserbringer, wie Alltagshelfer, die zweckgebunden je nach Anspruch involviert werden müssen. Für diejenigen, die die komplette Bürokratie abgeben wollen, nehmen wir eine einmalige Gebühr für eine Art Rundum-Sorglos-Paket. Unsere Plattform ist voll funktionsfähig und hat bereits Patienten im vierstelligen Bereich geholfen. Zudem haben wir über 20 Leistungserbringer und weitere Spieler aus der Pflege als Partner gewonnen. Darüber hinaus werden wir nun vom Start-up-Förderprogramm Reaktor.Berlin finanziell und mit fachlicher Expertise unterstützt.

Wie betrachtet ihr die Start-up-Dynamik im Pflegemarkt und was ist bei euch anders?

Glücklicherweise gibt es für den gesellschaftsrelevanten Pflegemarkt eine Menge an Start-ups. In den letzten Jahren kommen gefühlt jeden Monat neue hinzu…  Ein etablierter Player ist Nui Care, der sich mithilfe einer App um die Organisation und Kommunikation zwischen allen Beteiligten kümmert. Der Anbieter DeinePflege sorgt für die Digitalisierung der Antragsstellung Pflegegraderstanträge,  Edith.Care erfasst durch einen Chatbot antragsrelevante Daten. Wir wollen früher ansetzen: beim Sensibilisieren und Informieren über die Pflegeansprüche, bevor die Leistungen überhaupt beantragt werden können. Denn hier fehlten oft Bewusstsein und Verständnis. Ein weiteres Merkmal sehen wir in der Einfachheit unserer Lösung: Mit wenigen Clicks und ohne Vorwissen ermitteln wir den finanziellen Anspruch und helfen den Nutzenden Schritt für Schritt und individuell – bis zur Umsetzung des Anspruchs.

Wie sehen Sie den Pflegemarkt in fünf Jahren?

In fünf Jahren muss und wird der Pflegemarkt fundamental verändert sein – alleine aufgrund des demografischen Wandels und der damit gestiegenen Kosten. Sicherlich werden bis dahin radikale politische Reformen stattgefunden haben, die effizientere Abläufe und innovative Lösungen stärker fördern, siehe digitale Pflegeanwendungen (DiPAs). Wir möchten eine führende Plattform für Pflegebedürftige und pflegende Angehörige rund um die Leistungsansprüche in der Pflege zu sein. Das heißt konkret, dass wir den Zugang zu qualitativer Pflege für jeden Menschen vereinfachen wollen – losgelöst vom sozialen Status und ohne Sprachbarrieren. Dann haben wir hoffentlich zu mehr Chancengleichheit in der Pflege beigetragen.

Quelle: Kristian Eick, Mitgründer von Mehrpflegegeld.de

 

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