Innovationen durch Digitalisierung: Kassen brauchen den Kulturwandel!

Ende September luden die Gesundheitsforen Leipzig zu ihrem Fachsymposium ein. Im Mittelpunkt standen in diesem Jahr „Innovationen durch Digitalisierung“ – konkret: Strategien der Kostenträger und digitale Angebote für Diagnose und Therapie. Zum Informations- und Meinungsaustausch kamen Vertreter aus PKV und GKV, von Startups sowie dem Archivierungs-Technologieanbieter DMI und dem Kardiologie-Technologieunternehmen Preventicus.

Seit zehn Jahren schaffen die Gesundheitsforen die Verbindung zwischen Wissenschaft und Praxis, erklärte Roland Nagel. Entstanden als Spinoff der Universität Leipzig, bietet das Unternehmen heute eine breite Palette an Fachveranstaltungen, Produkten und Projekten im Gesundheitswesen sowie Forenpartnerschaften. Zur Symposiumseröffnung lud der Geschäftsführer ein zum gemeinsamen Engagement mit vielfältigen Optionen wie etwa Startup-Reviews.

Für einen „Klimawandel“ im Gesundheitsgeschehen plädierte bedeutungsstark der Moderator Frank Stratmann. Dieser sei notwendig als Voraussetzung für die langwierigen Prozesse bei der Durchsetzung digital gestützter Innovationen.

Der Markt ist jedenfalls merklich in Bewegung – zumindest was den Einsatz von Versichertengeldern für Innovationen angeht, stellte Dr. Katrin Krämer, Abteilungsleiterin Versorgungsmanagement, AOK-Bundesverband fest. So legt der Verband der Privaten Krankenversicherung mit „heal capital“ einen Venture-Capital-Fonds mit 100 Millionen Euro auf. Dank des Digitale-Versorgung-Gesetzes (DVG), das ab Januar 2020 in Kraft treten wird, können künftig wohl auch die GKVen als Venture-Capital-Geber agieren: Eine Neuregelung wird es den Krankenkassen gestatten, unter bestimmten Bedingungen Finanzmittel in Kapitalbeteiligungen für die Förderung der Entwicklung digitaler Innovationen nach § 68a anzulegen und damit von den Regelungen des § 85 SGB IV abzuweichen. Neue Zulassungsregelungen sollen den Marktzugang beschleunigen. Vor diesem Hintergrund plädierte Dr. Krämer für Nachhaltigkeit statt Projektitis; Orientierung an Interoperabilität und TK- Infrastruktur bilden das Rückgrat für eine tragfähige Innovation, und auch die Vernetzung mit Leistungserbringern sei für eine technologiegestützte bessere Zukunft der Versorgung essenziell.

Prof. Dr. David Matusiewicz skizzierte den grundlegenden Wandel im Gesundheitsmarkt – von analog hin zu digital, von reguliert zu marktorientiert, von Insellösungen zu Plattformökonomien, von kurativ zu präventiv, von „data protection“ zu „data sharing“. Parallel entstehe, so der Dekan und Institutsdirektor, FOM Hochschule, der dritte Gesundheitsmarkt mit ganz neuen Service- und Bezahlstrukturen. Er verglich das finanzielle Engagement für Healthcare-Startups hierzulande mit den USA – dort sei es enorm, was Erfolgsgeschichten wie Capsule, Firefly Health und VIM zeigten. Die Nutzung von Versichertengeldern als Wagniskapital war bislang kaum möglich – ob sich durch die aktuellen Neuregelungen dieser Markt hier neu aufstellt?

Christian Hälker ist Geschäftsführer des Bereichs Finanzen, Personal, Organisation und IT im PKV-Verband. Er bot ein Panorama der Gesundheitsakten im PKV-Kontext – von GeoMedis über Meine Gesundheit, IBM-Safe, Vivy hin zu zahlreichen Eigenentwicklungen von Versicherern. Zusätzliche Standards sind nötig, betonte Hälker, um PVS, Krankenhausakten und Gesundheitsakten interoperabel zusammenzubringen und so die erhofften Vorteile für alle Beteiligten, insbesondere der Versicherten, zu realisieren. Hinsichtlich des eRezepts im PKV-Umfeld beklagte er, dass ehealth-tec, GERDA, TeleClinic, CGM, OPTICA und die Arbeiten der bvitg-Projektgruppe 1:1 die analoge Welt abbilden. Tragfähig seien demgegenüber strukturierte Daten und offene Systeme. Als Herausforderungen für Innovation im Ökosystem PKV nannte der Verbands-Geschäftsführer Interoperabilität, sektorenübergreifende Vernetzung, passende Lösungen für ein duales System, das Beenden der abwartenden Haltung der Akteure und den ausländischen und branchenfremden Wettbewerb.

Präsentationen von Anbietern

Interoperabilität ist realisierbar! Das zeigte beim Fachsymposium der Archivierungs-Technologieanbieter DMI – mit seiner Zukunftsstrategie „Archivar 4.0“ – gemeinsam mit dem St. Vincenz Krankenhaus Paderborn. Der Leistungserbringer schafft durch interoperable Patientenakten die Grundlage für seine Vernetzung entlang der Behandlungskette – für die effiziente, sichere intersektorale Kommunikation in der Versorgung ebenso wie zwischen Leistungserbringern und Kostenträgern.

Regelmäßiges Messen des Herzrhythmus beugt vor, so in Leipzig der Tenor von Preventicus. Ein Hauptrisiko für Schlaganfall ist unentdecktes Vorhofflimmern; die App Preventicus Heartbeats erkennt Herzrhythmusstörungen mit einer Genauigkeit, die EKGs vergleichbar ist, und dokumentiert sie – per Smartphone-Kamera. Dies ermöglicht die Früherkennung – mit 99 Prozent Genauigkeit der Vorhersage. Inzwischen ist ein Telecare-Center zur Vorbewertung für Kardiologen eingebunden.

Diskussion zu Zukunftsstrategien

Starke Aussagen gab es beim Symposiums-Panel. So betonte Dr. Krämer, es sei plausibler, Innovation auf die Straße zu bringen in der Koalition der Willigen mit Selektivverträgen als mit der „App auf Rezept“ in Form des Kollektivvertrags. Hälker stellte klar: Innovation in die Kassen hineinzubringen – das sei ein Kulturthema. Startups sind nicht integrierbar in die Kassen, das eliminiert deren kreative Energien. Kassenvorstände sollten verstehen: Für Zukunftsfähigkeit muss Agilität in ihre Organisation!

Über das Bestreben der Startup-Integration sollten Kostenträger nicht die Corporate Education vergessen, sagte Prof. Dr. Matusiewicz. „Nehmt die Mitarbeiter mit!“ Nut so lasse sich eine nachhaltige Entwicklung der Organisation erreichen. Und Stratmann rief in Erinnerung: Der Diskurs zur Zukunft der Versorgung beginne auch in dieser komplexen Gemengelage mit dem gemeinsamen Sprechen! Die Veranstaltung der Gesundheitsforen zeige: Der Bedarf am nicht-virtuellen Gedankenaustausch für Wissen und Orientierung bleibe weiter bestehen.

Videostatements zum Fachsymposium findet ihr hier.

Quelle Text: Michael Reiter

Quelle Bild: Mirjam Bauer

 

 

 

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