Verkosten, diskutieren, nachkochen: in der Startup-Ideenküche

Die fünfte Ideenküche der Terra Consulting Partners brachte wieder einmal rund 180 Akteure der Gesundheitswirtschaft zusammen, die sich über innovative Ideen und Projekte der Zukunft austauschten. Das Quadriga-Forum am Werderschen Markt bot so gerade noch genügend Platz für die zahlreichen Teilnehmer, doch die gewollte Atmosphäre einer „Kochwerkstatt“ bleibt so sicher besser erhalten als in übergroßen Veranstaltungssälen. Denn hier gilt: Die Teilnehmer sollen sich ihre „Rezepte“ für neue Ansätze exklusiv aussuchen und „mitnehmen“.

Neben zwei Pitch-Formaten gab es in Berlin längere Vorträge und eine Ausstellung mit Startups für die direkte Ansprache und Ausprobieren vor Ort. Auch ausreichend Zeit für das Networking stand in den Pausen zur Verfügung. In gewohnt erfrischender Weise führten Evelyn Kade-Lamprecht und Michael Sander durchs Programm.

So erklärte Kade-Lamprecht, es sei ein wichtiges Ziel der Veranstaltung, die Geschäftsmodelle von Krankenkassen mit denen der Startups zusammenzubringen. Die Ideenküche sei eine Art Innovationsradar, das anzeige, was die Kassen tun müssen, um als innovativ wahrgenommen zu werden.

Dr. med. Peter Gocke, Charité Berlin, stellte die umfassenden Konzepte der Universitätsmedizin zur Digitalisierung vor. So bieten unter anderem eine Patienten-App und die Gesundheitscloud einen direkten Nutzen (Terminbuchung, Navigation, Gesundheitsakte etc.). Er empfiehlt hier und in anderen Prozessen eine Einbindung von Jungunternehmen. Ferner betonte er, die Datenhaltung müsse gelernt werden, dabei sei die Interoperabilität essenziell für alle digitalen Projekte: weg von den Datensilos hin zu einer Gesundheitsdaten-Plattforum für die datengetriebene Medizin der Zukunft. Sein Appell an alle Stakeholder in der Gesundheit: Digitalisiert euch!

Auch Dr. Flückiger, Pfizer, unterstrich diese Aussagen. In seinem Vortrag zur Erstattung digitaler Versorgungsprodukte verglich er die aktuelle Situation mit der Zukunft, in der eine Verschiebung in Richtung datengetriebener Firmen erfolgen wird. Bedeutet dies folglich ein Scheitern der alten Player?

Dr. Samrend Saboor und Dr. Thomas Friese, Siemens Healthineers, stellten dazu vor, wie künstliche Intelligenz (KI) heute bereit Vision und Wirklichkeit verbindet. Der Digitale Zwilling zur automatisierten Früherkennung ist dabei ein spannendes Beispiel, die AI-Rad-Companion-Plattform bzw. Pathway companion für klinische Pfade zeigen Anwendungsziele für wirksame KI. Eine Schlüsselrolle in der Digitalisierung auf Basis semantisch interoperabler Patientendaten nehmen internationale Standards ein.

Der „Innovations-Pitch“ mit acht digitalen Kostproben und der „Startup-Pitch“ mit sechs Gründern stellten dar, wie weit Digital Health heute schon in der Versorgung und Gesundheitsförderung angekommen ist.

Auch zwei Krankenkassen erhielten Gelegenheit, ihre Visionen der Zukunft vorzustellen. Die Barmer-I entwickelt gemeinsam mit Ärzten beispielsweise Apps für eine bessere digitale Patientenversorgung. Ferner hilft die Kasse den Startups durch den Gesetzesdschungel, unter anderem durch Unterstützung bei der Zertifizierung. Dr. Regine Vetters zeigte zudem auf, wie Hospitationen von Barmer-Mitarbeitern vor Ort bei den Startups Feedback bringen und die Weiterentwicklung vorantreiben, ebenso lernen die Kassenmitarbeiter von den jungen Gründern.

Dr. Gertrud Demmler, Siemens BKK, formulierte ein Leitbild für die GKV: Nicht die Produktivität stehe im Vordergrund, sondern der Kundennutzen. Auftrag ihrer Kasse sei es, Versorgung und Beratung durch die Digitalisierung zu verbessern und die Autonomie von Versicherten zu stärken. Eine persönliche Online-Geschäftstelle „Meine SBK“, die sowohl über Web oder als App funktioniert, aber zusätzlich eine telefonische Erreichbarkeit über einen bekannten Mitarbeiter bietet, ist hier das Modell der Zukunft. Auch diese Kasse ebnet Startups den Weg in die GKV, beispielsweise über den Healthy Hub, eine Arbeitsgemeinschaft verschiedener Kassen in Berlin.

Neben Europas größter Coachingplattform Homanoo für Betriebliches Gesundheitsmanagement, die in Deutschland die Auszahlung bzw. Rückerstattung auf Basis gesundheitlicher Aktivität über die Krankenkassen in einer „eigenen Währung“ bereits vornimmt, wurde auch die prozessorientierte Arztvisite Zavamed vorgestellt. Diese Verordnung via Online-Portal läuft seit acht Jahren, früher unter dem Namen Dr. Ed. Mit Zugang rund um die Uhr bei 25 verschiedenen Indikationen richtet sich dieses Angebot in Europa (beispielsweise in DE, GB, FR, CH) jedoch bisher nur an Privatzahler.

Die digitale Unterstützung bei multimorbiden Patienten ist heute dringend notwendig, betonte Bern Altpeter von der DGG (Digital Health Group). Durch die Komplexität der Fälle und aufgrund zahlreicher Angebote an die Patienten selbst ohne Orchestrierung wird die Versorgung nicht einfacher. „Deshalb brauchen wir Systeme für die Integration verschiedener Behandlergruppen und Pfade“. So leistet das Innovationsfondprojekt TeLiPro bereits heute Therapiebegleitung mit Videokonferenzen, Coaching und nachhaltigen Ergebnissen – und bleibt dabei interoperabel.

Einen spannenden Blick über den Tellerrand boten zwei Präsentationen der Gesundheitssysteme von Indien und Estland:

Silver Mikk, Gründer des Startups Dermtest in Tallin, gab einen Überblick über das vernetzte Gesundheitssystem E-estonia mit seinen umfassenden Services: Der Umbruch bei der Nutzung der elektronische Patientenakte habe sechs lange Jahre gedauert. Vor allem die Ärzte waren dagegen, heute wünschen sie unter anderem mehr Struktur.

Über Gesundheit in Indien referierte Dr. Maliha Shah: Staatliche Kliniken stellten dort Behandlung und Medikamente mit Erstattung von nominell 75 Prozent dieser Kosten durch die Provinzen. Zusätzlich sei ein privater Sektor vorhanden. Es herrsche zwar ein Nachholbedarf bei der medizinischen Versorgung, zugleich seien die Marktpotenziale vielfältig. Sie selbst gründete das Startup Alpha-Telemed. In den Metropolen Delhi, Mumbai und Bangalore gebe es zahlreiche Startup-Hubs – nach Anzahl der Akteure befinde sich in Indien das zweitgrößte Startup-Ökosystem weltweit.

Wir sind gespannt, welche Neuigkeiten die sechste Ideenküche im Jahr 2020 bereithält. Interessierte Startups können Sie auf jeden Fall ab jetzt bei den Veranstaltern melden.

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