Als Ausgründung aus der Humboldt Universität in Berlin entwickelt ihr eine App gegen Einsamkeit. Ich denke dabei an Meetups und Kontaktapps. Seid ihr das “Tinder für Einsame”?
Das ist eine Intuition, die uns immer wieder begegnet und grob lautet: Einsamen Menschen fehlt die Möglichkeit, mit Menschen in Kontakt zu treten und wenn ihnen diese Möglichkeiten geboten werden, dann sind sie nicht mehr einsam. Das Spannende daran ist allerdings, dass dieser Ansatz schlicht nicht den aktuellen Stand der Forschung zu Einsamkeit widerspiegelt. Diese vielleicht intuitiv stimmige Vorstellung, dass man zwei einsame Menschen gemeinsam in einen Raum setzt und deren Einsamkeit dadurch auflöst, ist leider einfach oft nicht wahr. Auf den zweiten Blick macht das allerdings durchaus Sinn. Wenn Einsamkeit sich einfach nur durch das Treffen neuer Leute bekämpfen ließe … wie würde man dann erklären, dass gerade junge Leute in großen Städten mit unbegrenzten Möglichkeiten neuer Kontakte sich besonders einsam fühlen? Darum gehen wir bewusst einen anderen Weg.
Wie funktioniert denn dann euer Angebot?
Nach aktuellen Metaanalysen sind psychologische Interventionen die effektivste Art, um Einsamkeit zu verringern. Solche Ansätze vermitteln keine Kontakte, sondern helfen den einzelnen Betroffenen darin, besser darin zu werden, starke Beziehungen aufzubauen und zu führen. Hierfür gibt es hocheffektive Techniken aus der Psychologie. Ein Beispiel: Wenn ein Betroffener eine Annahme hat wie “Niemand interessiert sich wirklich für mich”, dann wird es schwierig für diese Person sein, selbst mit zahlreichen Meetups und neuen Kontakten, starke Freundschaften aufzubauen. Doch hier kann kognitive Umstrukturierung, ein Ansatz aus der Verhaltenstherapie, helfen. Auch Verhaltensexperimente sind sehr hilfreich. So ist das Teilen von eigenen Problemen ein Kernmechanismus im Entstehen von Nähe. Wir Menschen haben aber häufig unbegründete Ängste, hiermit auf Ablehnung zu stoßen. Diese Ängste lassen sich durch praktischen Übungen überwinden und neue Verhaltensweisen im Alltag verankern. Abschließend nutzen wir auch die spielerische Beobachtung eigener Beziehungen. Das hilft, das eigene soziale Netz zu visualisieren und klarer zu verstehen: Wo wünsche ich mir mehr, wo wünsche ich mir weniger Kontakt? Und das Tracking der Kontakte, die wir als kleine Pflanzen visualisieren, hilft bei der Konsistenz im Kontakt, ein weiterer Kernfaktor starker Verbindungen. All diese Techniken haben wir in eine niedrigschwellige App integriert, die sich bequem schon in wenigen Minuten am Tag nutzen lässt. Und das mit Erfolg: In unserer ersten Evaluationsstudie konnten wir zeigen, dass bereits nach vier Wochen etwa ¾ der Appnutzenden eine Reduktion in ihrer Einsamkeit feststellen konnten.
Spannend. Ich kann also auch ganz alleine etwas für starke Beziehungen in meinem Leben tun. Wie seid ihr auf die Idee gekommen?
Silvan hat als Psychologe und Wissenschaftler bereits viele Jahre zur Nutzung digitaler Interventionen in der psychischen Gesundheitsversorgung gearbeitet und geforscht. Dabei ist ihm ins Auge gestochen, dass die wohl größte Lücke im Angebot gar nicht in der Behandlung von psychischen Erkrankungen liegt, sondern in deren Vermeidung. Unser Gesundheitssystem ist sehr stark darauf angelegt, dann einzugreifen, wenn Menschen bereits schwer krank sind, während Prävention kaum stattfindet. Und während für einige präventive Faktoren wie Sport mittlerweile zumindest ein gewisses Bewusstsein und Angebote existieren, gibt es fast keine Angebote für den Themenbereich soziale Gesundheit. Und das, obwohl Einsamkeit ein Hochrisikofaktor für psychische, aber auch physische Erkrankungen ist, vergleichbar mit den Auswirkungen von Alkoholismus. Das wollen wir mit platoniq.health ändern, indem wir genau solche Angebote schaffen.
Was sind eure Ziele für die kommenden Jahre?
Wir wollen ein Teil einer Veränderung in unserem Gesundheitswesen sein, die weg von Reparatur und hin zu Prävention und einem gesunden Lebensstil führt. Nur so lassen sich die massiven gesundheitlichen und damit auch ökonomischen Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte stemmen. Hierfür wollen wir soziale Gesundheit als zentraler Faktor der Gesundheit in die Regelversorgung integrieren. Die WHO definiert soziale Gesundheit als gleichberechtigte Dimension von Gesundheit neben physischer und psychischer Gesundheit. Das findet sich im Gesundheitssystem aktuell kaum abgebildet. Jeder Mensch hat soziale Gesundheit und kann diese direkt beeinflussen und so ein gesünderes und glücklicheres Leben führen. Hierfür wollen wir die nötigen Werkzeuge und Angebote zur Verfügung stellen. Wir haben mit Einsamkeit begonnen, aber wollen unser Angebot konsequent auf alle Teilbereiche hier ausweiten – von der Stärkung von Arbeitsbeziehungen, bis hin zu romantischen Beziehungen und Tools für die Beziehungspflege.
Quelle/Bild: Das Team von platoniq.health: Daniel Stachnik, Lara Sachs und Dr. Silvan Hornstein (c: Leo Seidel)