Pflegenotstand? Start-ups können mit digitalen Lösungen einen wesentlichen Beitrag leisten

Die Krise im deutschen Pflegesektor spitzt sich zu. Seit Beginn der Pandemie stoßen immer mehr Pflegekräfte an ihre Belastungsgrenzen. Mehr denn je sind innovative Lösungen gefragt, die für eine Entlastung sorgen. Start-ups könnten dabei helfen. Wir sprachen mit Eckhardt Weber, General Partner HealthTech VC Heal Capital.

Vor welchen Herausforderungen steht der Pflegesektor in Deutschland aktuell?

Die Pflege leidet gerade stark unter der Corona-Pandemie. Die hohen Belastungen führen immer häufiger zu Stress und Überforderung bei Pfleger:innen. Es gibt einfach zu wenig Personal. In Deutschland sind etwa 1,7 Millionen Menschen in der Kranken- und Altenpflege beschäftigt, dabei ist die Zahl der Pflegebedürftigen mehr als doppelt so hoch. Wenn wir davon ausgehen, dass die Lebenserwartung weiter steigt und der demografische Wandel bestehen bleibt, verstärkt sich dieser Trend sicherlich weiter. Aus aktuellen Hochrechnungen für den Barmer Pflegereport geht hervor, dass bis 2030 rund 6 Millionen Menschen pflegebedürftig sein werden – über eine Millionen mehr als bisher angenommen.

Als Anerkennung für die Leistung der Pflegekräfte in der Corona-Krise wurde ein Pflegebonus ausgezahlt. Langfristig sollen die Löhne angehoben werden. Ist das die Lösung?

Auch wenn vielen Seiten eine bessere Bezahlung für Pflegekräfte fordern, lässt sich die hohe Belastung der Pfleger:innen nicht allein durch höhere Löhne kompensieren. Wir müssen einfach ein besonderes Augenmerk auf das Arbeitsumfeld und die damit einhergehenden physischen und psychischen Belastungen legen. Hier spielen natürlich auch Anerkennung und Wertschätzung eine wichtige Rolle.

Wie können wir das in Zukunft besser umsetzen?

Einen wesentlichen Beitrag können Start-ups mit ihren meist digitalen Lösungen leisten – auch wenn sie die aktuellen Probleme in der Pflegebranche sicher nicht allein lösen können. Viele Start-ups konzentrieren sich mit ihren Lösungsmodellen derzeit vor allem auf die ambulante Pflege und darauf, die Zeit der Pflege durch Angehörige zu erleichtern und zu verlängern. Für pflegende Angehörige ist Bürokratieabbau ein echtes Thema, etwa wenn es um die Beantragung von Dokumenten, die Beschaffung von Pflegematerial oder die richtige Einnahme von Medikamenten geht. Das Start-up ucura hilft beispielsweise als digitaler Pflegebegleiter dabei, den komplizierten Erstantrag auf Pflege in unter 20 Minuten zu erstellen. Für die Zukunft sind weitere Funktionen geplant, wie eine optimierte Pflegesituation der Patient:innen und die Übernahme von organisatorischen Aufgaben, beispielsweise Materialbestellungen. Eine ähnliche Richtung schlägt die App nui care ein, eine digitale Kommunikationslösung, die auch bei der Pflegeorganisation unterstützt. Außerdem entstehen aktuell einige digitale Pflegeanwendungen (DiPA), die helfen sollen, den Pflegealltag besser zu bewältigen. Sie lassen sich entweder als App auf mobilen Endgeräten oder als browserbasierte Web-Anwendungen am Computer nutzen. Besonders nützlich sind DiPA etwa für die Vernetzung der Pflegenden untereinander. Mit einer App können sich Pflegende, Hausärzt:innen und ein Pflegedienst jederzeit austauschen. Das ermöglicht einen reibungslosen Pflegealltag. Spannend wird es aber sicherlich, wenn DIPA auch Patient:innen einen Mehrwert bieten, beispielsweise im Bereich kognitive Förderung, Medikamentenmanagement oder mentale Gesundheit. Wichtig wird es sein, diese Lösungen gut in den Pflegealltag einzubinden und auch Pfleger:innen sowie Krankenkassen abzuholen. Hier bietet das Start-up Entyre digitale Produkte, die schon von vielen Versicherungen eingesetzt werden.
Daneben verbessert zum Beispiel das Startup Kenbi den Pflegealltag von ambulanten Pflegekräften in mehrerer Hinsicht, von besseren Arbeitszeiten zu freier Gestaltung der Aufgaben im Pflegeteam – alles durch Technologie enabled und gesteuert.

Wie sieht es im stationären Bereich aus?

Auch im stationären Bereich tut sich etwas, vor allem beim Entlassmanagement und der telemedizinischen Versorgung. Lösungen kommen dabei insbesondere von britischen Start-ups, weil dort die Krankenhauskapazitäten knapp sind. Ein Beispiel: doccla, das eine Plattform zur Fernüberwachung von Patienten anbietet, so eine frühzeitige Entlassung aus dem Krankenhaus ermöglicht und auf diese Weise neue Kapazitäten freisetzt. Durch den Einsatz von tragbaren medizinischen IoT-Geräten schafft die virtuelle Krankenstation von doccla eine einwandfreie Patientenüberwachung.

Kurz nach dem Jahreswechsel lohnt sich ein Ausblick auf die vor uns liegende Zeit. Welche Start-ups sollten wir 2022 im Auge behalten?

Das Aachener Start-up Clinomic schafft mit Mona, einem intelligenten Assistenzsystem für die Intensivstation, gerade ein Upgrade der Intensivpflege durch modernste KI-Algorithmen. Die App Caspar Health will medizinische Einrichtungen bei der Durchführung von Online-Therapiemaßnahmen und der Sicherstellung des Therapieerfolgs während und nach der Reha unterstützen. Dann gibt es mit Recare noch einen weiteren spannenden Ansatz. Die Plattform für digitales Entlassmanagement sucht, findet und koordiniert Kapazitäten für optimale Versorgungspfade. Damit will das Start-up bestmögliche Überleitungsprozesse vom Krankenhaus in die Nachversorgung schaffen und dafür sorgen, dass mehr Zeit für die Pflege der Patient:innen bleibt.

Digitale Lösungen klingen vielversprechend, allerdings sprechen wir von einer Branche, in der die Digitalisierung nur schleppend vorangeht. Was können Start-ups in diesem Bereich leisten – und was nicht?

Den Pflegenotstand können auch die genannten Start-ups nicht von heute auf morgen beheben – schon gar nicht alleine. Allerdings entstehen vermehrt Lösungen, die das Potenzial haben, Bürokratie zu verringern und die Pflege im Allgemeinen effizienter zu machen. Gerade in den Bereichen Administration und Telemedizin sorgen solche Lösungen für eine echte Entlastung des Pflegepersonals.

Aber Fakt ist auch, dass Pflege ein wichtiger Pfeiler unserer Zukunft ist, bei dem der zwischenmenschliche Faktor eine essenzielle Rolle spielt. Diesen emotionalen Aspekt kann keine Technologie vollständig abbilden. Trotzdem sind moderne, digitale Lösungsansätze unabdingbar, um die brenzlige Lage im Pflegesektor in den Griff zu bekommen. Im weiteren Verlauf der Pandemie ist es jetzt erst einmal wichtig, dass das Arbeitsumfeld von Pflegekräften möglichst positiv bleibt. Auch hier helfen technologische Ansätze dabei, Ressourcen bestmöglich zu nutzen – damit Pflegekräfte  ihre Überstunden abbauen und Urlaub nehmen können.

Im Großen und Ganzen wird die Digitalisierung der Pflege zunächst in kleineren Schritten erfolgen. In Summe haben die beschriebenen Lösungen langfristig einen nachhaltigen Einfluss auf die Bewältigung der Pflegesituation in Deutschland.

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