Brauchen wir ein Betriebssystem für Europa?

Symptom-Checks per App, Messenger-Dienste für Ärzt:innen oder kontaktlose Sprechstunden via Webcam – die Health Tech Branche erlebt seit Beginn der Covid-19-Pandemie einen enormen Boom. Das lockt natürlich auch Investor:innen an. Getrieben von den raschen Entwicklungen durch das Pandemie-Geschehen stiegen die Venture-Capital-Finanzierungen im ersten Halbjahr 2021 mit 21,8 Billionen US-Dollar auf einen neuen Rekordwert.

In den vergangenen Jahren wurden zahlreiche Unternehmen im Bereich Digital Health gegründet. Es gab geradezu eine explosionsartige Zunahme von europäischen Start-ups, die End-to-End-Lösungen für die digitale Gesundheitsbranche anbieten. An sich ist das erst einmal eine gute Nachricht. Jedoch standen und stehen all diese jungen Unternehmen vor der Herausforderung, die Technologie für Lösungen von Grund auf selbst zu bauen.

Bei etablierten Digital-Health-Unternehmen umfasst die technologische Infrastruktur viele verschiedenen Komponenten, von Telemedizin über Verschreibungsdienste bis hin zur Back- und Front-Office-Verwaltung. Entsprechend aufwendig ist die eigene Entwicklung. Die Folge: Ein erheblicher Teil der Venture-Capital-Finanzierungen wird dafür verwendet, Teile der dieser Infrastruktur für jedes Start-up immer wieder neu zu bauen. Das bremst die Entwicklung der Branche enorm aus.

Europa braucht ein Betriebssystem

Healthtech-Infrastruktur-Lösungen würden das Problem beheben. Im Fintech-Bereich etwa ist der Einsatz von APIs und anderen Lösungen weit verbreitet. Das Gesundheitswesen steht bei dieser Entwicklung jedoch noch ganz am Anfang. Zwar gibt es bereits Anbieter von Microservices, bei denen Health-Tech-Unternehmen Komponenten ihres Tech-Stacks in Auftrag geben können, mehrere Infrastrukturbereiche sind jedoch noch nicht abgedeckt und vor allem in Europa fehlen effiziente Lösungen.

Angesicht der Entwicklung des Ökosystem – nicht zuletzt angestoßen durch Corona und den daraus folgenden Digitalisierungsschub – stellt sich die Frage: Hat Europa einen Punkt erreicht, an dem sich die Entwicklung eines Betriebssystem für die Gesundheitsbranche lohnt?

Fragmentierte Gesundheitswesen

Das richtige Timing ist entscheidend. Die Entwicklung eines Betriebssystems ist aufwendig und teuer. Dementsprechend muss es entweder genügend Abnehmer am Markt geben oder zumindest die Aussicht darauf, dass Neue entstehen, sobald erst einmal ein Betriebssystem zur Verfügung steht.

Dazu kommt eine weitere Herausforderung ins Spiel: die Infrastruktur des europäischen Gesundheitswesens. Denn im Vergleich zu den USA ist diese in der EU äußerst fragmentiert. Jedes Land hat eigene Anforderungen und Regularien mit denen ein standardisiertes System interagieren muss – ein Grund, weshalb sich viele Lösungen auf den vereinheitlichten US-Markt konzentrieren.

Aufgrund dieser Faktoren lautet die Antwort: ja, jetzt ist der richtige Zeitpunkt für ein europäisches Betriebssystem. Das Timing spielt hierbei die entscheidende Rolle – ist das Ökosystem bereits weit genug entwickelt, um genügend Nachfrage für einen reinen Infrastrukturanbieter zu generieren – oder muss im Sinne von Amazon Web Services (AWS) zunächst der Weg gegangen werden, das Produkt selbst, quasi intern zu nutzen und zu perfektionieren, bis entsprechende Marktnachfrage vorhanden ist.

Bei den möglichen Positionierungen stellt sich grundsätzlich die Frage nach der Ausrichtung: Wird der Weg einer horizontalen oder einer vertikalen Integration eingeschlagen. Für Erstere gibt es im Fintech-Bereich bereits gute Beispiele, etwa die Solarisbank AG. Diese bietet als Banking-as-a-Service-Plattform Banklizenzen in ganz Europa an. Auch bei der vertikalen Integration ist AWS ein gutes Beispiel. Der Cloud-Service fungierte zunächst ausschließlich als Infrastruktur für eigene interne Dienste. Später hat sich daraus aber ein eigenes Endkundengeschäft entwickelt. Ein ähnliches Szenario ist auch im Healthtech-Bereich vorstellbar.

Neben der Frage des Timings spielt auch die Wahl des richtiges Stacks zu Beginn eine wichtige Rolle. Ein gutes Beispiel hierfür ist das US-Unternehmen Truepill. In den Vereinigten Staaten verdienen die meisten Health-Companies an der Verschreibung und dem Vertrieb von Medikamenten. Deshalb konzentrierte sich Truepill als erstes auf Lösungen für pharmazeutischen Services. Als reiner API-basierter Pharmazie-Dienstleister gestartet, bietet das Unternehmen heute eine Vielzahl weiterer Lösungen an, darunter Patienten-Onboarding, Telemedizin und Labordienste. Dank der von Truepill geschaffenen Infrastruktur wurde vielen jungen Unternehmen der Markteintritt erleichtert oder überhaupt erst ermöglicht.

Fazit

Der Blick auf internationale Vorbilder und andere Branchen zeigt, dass verschiedene Wege hin zu einem europäischen Betriebssystem existieren. Dennoch ist Europa aktuell noch einen großen Schritt entfernt von solchen Full-Stack-Lösungen für die Health-Tech-Branche. Was es braucht, sind Pioniere, die sich trauen, Lösungen für den europäischen Healthtech-Markt zu bauen.

Im Übrigen könnten europäische Lösungen in diesem Bereich auch ein wichtiges Signal an die Politik sein, die fragmentierten europäischen Gesundheitssysteme endlich stärker zu vereinheitlichen. Im Finanzsektor ist das bereits Normalität. Dies würde den europäischen Healthtech-Markt noch attraktiver für Investoren und Gründer werden lassen. Spätestens dann wäre Europa auch voll konkurrenzfähig zum US-Markt.

Gastbeitrag von: Dr. Christian Weiss, General Partner von Europas einzigem reinen HealthTech VC Heal Capital (Bildquelle: Heal capital)

Bitte teile diesen Artikel, wenn er dir gefällt:
0

Vielleicht gefällt dir auch...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.