Auf dem Nationalen Fachkongresses Telemedizin in Berlin war es spannend wie selten zuvor. Dr. Gottfried Ludewig vom Bundesministerium für Gesundheit, Prof. Debatin und weitere hochrangige Akteure diskutierten unter anderem die Veränderungen durch die neuen Gesetze.

Mit hohem Tempo und großem Engagement arbeitet das Bundesministerium für Gesundheit an der Zukunftsfähigkeit unserer Versorgung. Wie wichtig in diesem Kontext funktionierende Netzwerkstrukturen sind, verdeutlichte Staatssekretär Dr. Steffen: „Die Vernetzung aller, die an der Behandlung von Patientinnen und Patienten beteiligt sind, ist die Basis eines digitalen Gesundheitssystems. Darum machen wir Tempo beim Aufbau einer sicheren Telematikinfrastruktur. Und wir sorgen dafür, dass die Krankenkassen ihren Versicherten ab 2021 eine elektronische Patientenakte anbieten. So werden die Vorteile der Digitalisierung für jeden spürbar und das Vertrauen in eine digitale und patientenorientierte Versorgung kann wachsen.“

Dem schloss sich Günter van Aalst, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der DGTelemed und Vorsitzender des ZTG-Forum Telemedizin, an: „Die Aktivitäten des BMG, insbesondere auch die neuen Gesetzgebungen, eröffnen Wege für die Entwicklung eines digitalen Gesundheitswesens. Nicht nur mit der weltweit einmaligen Möglichkeit für Ärztinnen und Ärzte, Apps zu verschreiben, geht Deutschland mutig voran bei der Digitalisierung und Modernisierung der Versorgung. Nun ist es an den Akteuren, die sich eröffnenden Chancen für eine kooperative und vernetzte Zusammenarbeit in der Gesundheitsversorgung zu ergreifen und zukunftsfähige telemedizinisch unterstützte Versorgungsprozesse zur intersektoralen Zusammenarbeit zu fördern und gesetzlich zu verankern. Auch müssen wir den Transfer erfolgreich evaluierter Innovationsfondsprojekte in das GKV-Versorgungssystem konsequent weiterverfolgen. Die DGTelemed unterstützt diese Bestrebungen gerne. “

Dr. Gottfried Ludewig, Leiter der Abteilung Digitalisierung im Bundesministerium für Gesundheit (BMG), stellte die Aktivitäten seines Hauses in Richtung eines digital unterstützten Gesundheitswesens in Deutschland vor. Mit dem Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG), dem Gesetz für mehr Sicherheit in der Arzneimittelversorgung (GSAV) und nicht zuletzt dem Digitale Versorgung-Gesetz (DVG) habe das BMG im letzten Jahr ein enormes Tempo vorgelegt und somit die regulatorischen Grundlagen geschaffen, um flächendeckende Etablierung der Telemedizin weiter zu fördern. Er appellierte zum Nachdenken über die vergangene Zeit, in der fast zehn Jahre nicht viel passiert sei in Richtung Telemedizin. Erst die jüngsten Beschlüsse hätten endlich einen gesetzlichen Rahmen für die Finanzierung geschaffen.

„Mit unseren aktuellen Gesetzen haben wir den Rahmen für eine moderne, digital gestützte Versorgung gesetzt. Wir sind aber noch lange nicht am Ziel. Das Thema Standardisierung zum Beispiel wird uns weiter beschäftigen. Wir müssen dafür sorgen, dass Daten in Zukunft reibungslos und datenschutzkonform über offene Schnittstellen fließen können. Klar ist: Wir müssen vorankommen beim Thema Digitalisierung. Denn wenn wir sie nicht hier in Deutschland nach unseren Regeln gestalten, tun es internationale Großkonzerne.“

Vertieft wurde die Diskussion zum DVG im Themenblock „Apps als neue Versorgungsform?“ mit Prof. Dr. med. Jörg Debatin (Leiter des health innovation hub des BMG), Prof. Dr. med. Dr. iur. Christian Diercks (Dierks+Company Rechanwaltsgesellschaft mbH), Dr. med. Irmgard Landgraf (Vorstandsmitglied der DGTelemed) und Sebastian Zilch (Geschäftsführer Bundesverband Gesundheits-IT – bvitg e. V.), inwieweit sich die Versorgung der Patientinnen und Patienten durch das DVG verändern wird: Bricht das DGV mit den bisherigen Routinen im Gesundheitswesen? Schafft das DVG Möglichkeiten, die sektorale Abgrenzung aufzubrechen, um die Chancen einer kooperativen Versorgung ergreifen zu können? Kommen gute Lösungsansätze zukünftig zeitnah bei den Patientinnen und Patienten in der täglichen Versorgung an?

Prof. Dr. Debatin vom hih bekräftigte: „Das DVG ist ein wirklicher Meilenstein. Es geht um das Bedürfnis nach einer bestmöglichen Gesundheitsversorgung. Dabei können digitale Prozesse einen großen Gewinn für die an der Behandlung Beteiligten darstellen und dieses Potenzial bezogen auf die Bedürfnisse der Menschen ist noch lange nicht ausgeschöpft. Als Arzt und Klinikmanager habe ich erlebt, welchen enormen Nutzen ein umfassender Daten- und Informationsfluss bringt. Wir können es uns schlichtweg auch nicht mehr leisten, dieses gesammelte Wissen ungenutzt zu lassen.“

Auch wenn unter Ärzten momentan intensiv diskutiert wird, ob und wie sie digitale Anwendungen im Alltag nutzen wollen, sind die Veränderungen im System spürbar und nicht mehr zu ignorieren. Strukturierte Praxen und Ärzte, die Veränderungen positiv gegenüber stehen, werden die Unterstützung durch Apps und Co. in ihren Alltag integrieren. Manche Startups erhalten zur Zeit täglich Nachfragen aus Praxen. Denn der ‚Feldversuch unter kontrollierten Bedingungen‘ beinhaltet ferner die Evaluation: Der Patientennutzen muss erwiesen werden.

Preis für innovative Projekte

Die Verleihung des Telemedizinpreises durch das Votum des Publikums erfolgte erstmalig auf dem Kongress. Von acht nominierten Bewerbern erhielt den ersten Platz das Projekt „ Applaus für junge Erwachsene“, eine App-gestützte Therapie für die langfristige Umsetzung schmerztherapeutischer Strategien für junge Erwachsene (smart-Q Softwaresysteme GmbH). Den zweiten Platz konnte das Projekt „ SoMa-WL – Souveränes, ärztlich gesteuertes industrieunabhängiges und E-Health gestütztes Wundmanagement in Westfalen-Lippe“ (Annette Hempen, Ärztenetz Medizin und Mehr eG, Bünde) erreichen. Drittplatziert wurde Pilotprojekt „ Bessere Nachsorge und Betreuung von Kunstherzpatienten durch Einsatz einer Kommunikations-App“ (Sebastian von Lovenberg, Allm EMEA GmbH / Uniklinikum Essen).
Daneben wurden die Projekte Physioflix (Onlinephysiotherapie), eine Stations-App für Intensivstationen, TeleDermatologie in MeckPomm bzw. in der Steiermark und BaTeleS, eine telemedizinishe Betreuung von Schwangeren  (internistisches Projekt/Studie aus München), vorgestellt.

Quelle: ZTG / M. Bauer