Große Ehrfurcht vor den großen Versicherungen!? (Erschienen auf Deutsche-Startups.de)

handschlag

Dieser Artikel wurde zusammen von Nicole Cienskowski und Min-Sung Sean Kim geschrieben und ist am 28.10.2016 auf Deutsche-Startups.de erschienen.

Startups im digitalen Gesundheitsbereich haben oft Ehrfurcht gegenüber Krankenversicherungen. Zu groß ist die Angst vor einem Versagen bei der ersten und wohlmöglichen einzigen Präsentation ihres Produktes oder Services. Neben der Sorge, den richtigen Einstieg zu finden, fehlt den Startups oft Wissen über den streng reglementierten Rahmen, in dem sich Krankenversicherungen bewegen. Dadurch fühlen sich manche Gründer auf externe Berater angewiesen, die auf Honorarbasis die Platzierung als Kooperationspartner bei Krankenversicherungen unterstützen.

Auf der anderen Seite befinden sich die Versicherungen. Vermehrt beginnen große Akteure, wie z.B. Allianz, Techniker Krankenkasse und ERGO sie sich im Rahmen von Kooperationen, Pilotprojekten, Investitionen und Accelerator-Programmen (wie zum Beispiel StartupBootcamp) ausführlicher mit dem Thema Digital Health zu beschäftigen. Nennenswert an dieser Stelle sind beispielsweise Beitritte der Versicherungen zu Verbänden – wie der Gesundheitskasse AOK Nordost und der Barmer GEK zum Bundesverband für Internetmedizin. Darüber hinaus gibt es schon die ersten erfolgreichen Kooperationen zwischen Krankenversicherungen und Startups: „Die Zusammenarbeit zwischen Sonormed und TK zeigt, dass zwei ganz unterschiedliche Player wie ein Start-up – und eine gesetzliche Krankenkasse – ihre verschiedenen Stärken bündeln und so die Digitalisierung im Gesundheitswesen aktiv vorantreiben können“ verkündet die Techniker Krankenkasse.

Krankenversicherungen befinden sich im starken Wettbewerb

Die Krankenversicherung als Solidargemeinschaft hat die Aufgabe, die Gesundheit der Versicherten zu erhalten, wiederherzustellen oder ihren Gesundheitszustand zu bessern, so steht es im Sozialgesetzbuch. Der zunehmende Kostendruck im Gesundheitssystem führt dazu, dass die Anzahl der gesetzlichen Krankenversicherungen in den letzten 10 Jahren von 267 auf 118 u.a. durch Fusionen halbiert wurde. Es herrscht ein Wettbewerb um junge und möglichst lang gesunde Versicherte. Diese internet-affinen Versicherten spricht man am besten mit erstattungsfähigen Leistungen an, aber auch mit einer zeitgemäßen Positionierung der Krankenversicherung im Markt mit Hilfe von digitalen Versorgungsinstrumenten wie Applikationen, Online-Coaches und neuen Online-Services.

Vor- und Nachteile im Rahmen einer Kooperation der Digital Health Startups mit Krankenversicherungen

Für Krankenversicherungen sind Kooperationen mit Digital-Health-Startups grunsätzlich sehr spannend, da diese einen Zugang zu einer begehrten Zielgruppe haben: Jungen Nutzern, die sich mit ihrer Gesundheit auseinandersetzen. Betrachtet man die Nutzerstatistiken vieler Apps stammt die Mehrheit der Nutzer aus der Generation Y, beziehungsweise Millenials, die vor allem über innovative und digitale Multichannel-Ansätze erreichbar sind. Darüber hinaus haben Digital Health Startups ein besseres Verständnis für den Endnutzer, da sie den Kundennutzen und die Gebrauchstauglichkeit ihrer Lösung kontinuierlich mit dem Kunden iterieren. Manchmal sind die Gründer der Digital-Health-Lösungen sogar selbst (ehemalige) Betroffene und kennen das Kundenbedürfnis aus ihrer eigenen Erfahrung, wie beispielsweise Ekaterina Karabasheva von Jourvie, die mit ihrer Lösung zur Behandlung von Essstörungen den Therapie-Alltag erleichtern möchte.

Die Digital Health Startups sind auf der anderen Seite an dem Vertrauen interessiert, welches die Gesundheitsinteressierten den Krankenversicherungen geschenken. Studien, wie der EPatient Survey 2016 zeigen, dass sich ca. ein Drittel der Befragten wünscht, von ihrer Krankenversicherung Empfehlungen für Apps oder Online-Dienste zu erhalten. Für Digital Health Startups macht es demnach Sinn, mit Krankenversicherungen zu kooperieren, um ihre Relevanz im Markt zu erhöhen und ihre Produkte zu platzieren. Durch das gemeinsame Angebot der digitalen Versorgungsinstrumente sichern sich die Digital Health Anbieter die Akzeptanz der Versicherten, welche die Gesundheits-Applikationen wohlmöglich vorab als umstritten gesehen haben. Die Empfehlungen durch Krankenversicherungen können so in einer einer digitalen Versorgung münden, die Patienten erwarten ihren Rat und die Digital Health Gründer erleichtern Versicherten ihren Alltag mit der Krankheit oder in der Ausübung von präventiven Maßnahmen.

Damit die Krankenversicherungen ihr lang erarbeitetes Vertrauen nicht leichtfertig durch eine Kooperation mit Digital Health Startups aufs Spiel setzen, müssen gewisse Voraussetzungen auf Seiten der Jungunternehmer erfüllt sein. Strenge datenschutzrechtliche und qualitätsgebundene Kriterien, wie z.B klinisch geprüfte Wirksamkeit, Nutzen-Risiko-Abwägung und barrierefreie Gebrauchstauglichkeit müssen durch die Digital Health Startups sichergestellt werden. Krankenversicherungen gehen bei der Empfehlung oder dem Angebot einer Gesundheits-App ein erhöhtes Risiko ein, da sie selbst nicht die originären Anbieter sind, aber als Partner des Digital Health Unternehmens ebenso für die geforderte Datensicherheit einstehen und sich an dieser messen lassen müssen. In Bezug auf den Datenschutz sollten Digital-Health-Anwendungen deshalb nur auf diejenigen Daten zugreifen dürfen, die für den Gebrauch der App unbedingt notwendig sind. Darüber hinaus muss die Sicherheit der Daten vor Missbrauch oder Hacker-Angriffen sichergestellt werden. Die Nutzer sollten weiterhin über ihre Daten bestimmten dürfen und müssen dementsprechend über den Zweck der Verwendung ihrer Daten informiert werden sowie die Option besitzen, Zugriffsberechtigungen abzulehnen bzw. zu deaktivieren.

Die Risiken bei einer Zusammenarbeit liegen jedoch nicht allein bei der Krankenversicherung. Die Digital-Health-Startups riskieren mit einer Kooperation weitere Anpassungsaufwände und eine zeitliche Einschränkung, da aufgrund ausführlicher Abstimmungen und Prüfungen Zeit für die Etablierung ihres Produktes am Markt verloren geht. Darüber hinaus sind die zu erbringenden Qualitätsmerkmale für Gesundheits-Apps mit hohen finanziellen Aufwänden verbunden. Dementsprechend ist für beide Parteien eine gründliche Prüfung vor Eingang einer Kooperation notwendig.

CHARISMHA-Studie – eine erste Grundlage für eine Kooperation

Die jüngst publizierte Studie „Chancen und Risiken von Gesundheits-Apps – CHARISMHA“ die im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit gefördert wurde, ist ein Schritt in die richtige Richtung, um ein Fundament für Kooperationen zwischen Versicherungen und Digital-Health-Startups zu gewährleisten.

Die Studie umfasst eine Bestandsaufnahme des aktuellen Marktes der Gesundheits-Apps und befasst sich mit ihrer Bedeutung für die Gesundheitsversorgung. Die Ergebnisse der Studie sollen laut Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe in einem Fachdialog mit Verantwortlichen im Gesundheitswesen, Datenschützern, App-Herstellern und Experten diskutiert werden, um daraus konkrete Maßnahmen und Selbstverpflichtungen abzuleiten.

Wenn Versicherungen die Nutzung von Apps ihren Versicherten erstatten, können Haftungsansprüche seitens der Patienten gegenüber der Versicherung entstehen. In allen Bereichen der Patientenversorgung und Prävention muss deshalb eine fachgerechte medizinische Behandlung sichergestellt werden. Anhand des CHARISMHA-Kriterienkatalogs können sich Digital-Health-Entrepreneure als auch die Versicherung in punkto Datenschutz, klinische Evidenz, Risiko, Funktionsumfang und Kosten-Nutzen orientieren. Daraus resultierend werden Digital Health Startups stärker dazu angehalten sein, sich möglichst früh Gedanken über die Wirksamkeit und Sicherheit ihres Medizinproduktes zu machen, wenn Kooperationen mit einer Versicherung oder anderen Stakeholdern des Gesundheitssystems angestrebt werden.

Aufbauend auf CHARISMHA könnte ein einheitlicher Anforderungskatalog seitens der Krankenversicherungen helfen, einen Qualitätsstandard für Erstattungen zu definieren, um so eine Kooperationen zwischen Startups und Krankenversicherungen zu erleichtern. So könnten Startups und Krankenkassen schneller in den Dialog einsteigen und sich ihrem gemeinsamen Ziel widmen: Die Bedürfnisse des Patienten zu erkennen und eine weitreichende Versorgung sicherzustellen.

 

Über die Autoren:

Nicole Ciencowski:
Nicole Cienskowski verfügt über insgesamt vier Jahre Berufserfahrung in der Beratung, schwerpunktmäßig im Gesundheitswesen und öffentlichen Sektor. Vor ihrer Tätigkeit bei Capgemini studierte sie an der Freien Universität Berlin VWL und an der TU den Master Industrial and Network Economics mit Schwerpunkt Management im Gesundheitswesen. Seit Juli 2016 ist Nicole Cienskowski Junior Business Analyst Account Managerin des Clusters Healthcare von Capgemini und trägt somit einen Anteil zur Geschäftsbereichsentwicklung bei.

Min-Sung Sean Kim:
Min-Sung Kim ist ehemaliger Partner bei XLHealth, einem Berliner Venture Capital Fond, der sich auf Digital Health Series A Investitionen spezialisiert. Als ehemaliger Leiter des Analystenteams bei XLHealth hat Min-Sung mehr als 2500 Digital Health Startups in Europa gesehen. Darüber hinaus hat er in Startups wie mySugr, Meedoc, Neuronation und Mimi investiert. Vor seinem Einstieg bei der XLHealth gründete er und verkaufte sein erstes Unternehmen. Zuvor führte Min-Sung Seed-Investments mit Lakeside Ventures durch.

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1 Kommentar

  1. Bernd Jansen sagt:

    Die Beziehungen und die Aktionen zwischen den Akteuren im Gesundheitswesen – im Wesentlichen also den Kunden, den Leistungserbringern (Ärzte, Krankenhäuser etc) und den Kassen und Versicherern – werden sicher weiter digitalisiert werden und sich somit auch verändern. Wie Sie richtig in Ihrem Beitrag zum Ausdruck bringen, ist die Thematik allerdings sehr komplex, aber auch chancenreich, denn hier werden sowohl auf staatlicher als auch auf privater Seite große Geldsummen bewegt.

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