DVG: Deutschland im internationalen Vergleich mit den besten Rahmenbedingungen?

Mit der Veröffentlichung des Referentenentwurfs zum DVG Mitte Mai wurde viel diskutiert, wie das vorliegende Maßnahmenpaket für mehr Innovation und Digitalisierung im Gesundheitswesen zu beurteilen ist. Vor allem die „App auf Rezept“ könnte Deutschland an die Position mit den besten Rahmenbedingungen für Innovation katapultieren, wirft aber auch viele Fragen auf.

Dies zu diskutieren, die konkreten Aufgaben für die jeweiligen Akteure abzuleiten und die kooperative Realisierung zu fördern, war das unausgesprochene Motto der Veranstaltung „DVG. Erstattungsfähigkeit für digitale Gesundheitsanwendungen ist ein Etappenziel. Mit Knowhow gemeinsam die Praxis gestalten!“. Die _fbeta GmbH hat diese in Kooperation mit dem Bundesverband Internetmedizin (BiM) durchgeführt. Zahlreiche Vertreter aus der Startup-Szene, der Krankenkassen, Politik und Industrie tauschten sich angeregt und erwartbar kontrovers über das Digitale-Versorgung-Gesetz aus, und weckten die Veranstaltungsidee eines agilen Vernetzungs- und Arbeitsraums zum Leben.

Vorträge zur Anregung

Die Diskussion zu entzünden, den vorliegenden Gesetzentwurf zur „App auf Rezept“ pointiert zu bewerten und Herausforderungen sowie Aufgaben für die jeweiligen Akteure aufzuzeigen, übernahmen die drei Speaker der Ignite Talks:  Timo Frank, Hashtag Gesundheit, Sebastian Vorberg, BiM, und Dr. Elmar Waldschmidt, BIG direkt gesund und Geschäftsführer des Healthy Hub.

Alle mitnehmen: Das ist der Wunsch und die Erwartungshaltung an die Politik bei der digitalen Transformation des Gesundheitswesens, so Timo Frank. Zurzeit sei es aber so, dass Rahmenbedingungen für Innovationen und Digitalisierung gesetzt werden, ohne die Sicht der Menschen mit Behinderung zu berücksichtigen: „Barrierefreiheit geht sehr oft unter.“ Wichtig sei es auch, die Digitalkompetenz bei den Leistungserbringern bereits in Studium und Ausbildung aufzubauen. Denn: „Digital ist nicht alles, aber viel!“

Dr. Waldschmitt fordert: „Der erste Gesundheitsmarkt muss flexibler werden. Sonst finden die Innovationen auf dem zweiten statt.“ Vor allem die Krankenkassen und Leistungserbringer seien im Kontext der Digitalisierung gefragt, vertraute und vertrauenswürdige Partner für Bürger zu sein und dieses Feld nicht branchenfremden Tech Playern zu überlassen.

In allen drei Vorträgen wurde die Einschätzung geäußert, mit dem derzeitigen Entwurf zur App auf Rezept schaffe Deutschland noch nicht die idealen Rahmenbedingungen für Digitale Anwendungen (DiGAs). Wichtig sei es, hier gemeinsam in die weitere Ausgestaltung zu gehen.

Konsequenterweise rief Vorberg, Vorsitzender des Bundesverbands Internetmedizin (BiM), zur gemeinsamen Interessenvertretung auf. Dass es keinen echten Spitzenverband der Hersteller gebe, sei knapp an einer Blamage vorbei. Natürlich wisse er um die Herausforderung, denn Selbstverwaltung bzw. Verbandsarbeit sei Fleißarbeit. „Hier sind Helden gesucht!“, so Vorberg. Auf die Frage, ob es wirklich weiterer neuer Verbände bedürfe, betonte er: „Gerne. Es soll sich entladen. Wir brauchen die Energie.“ Aber danach sei es wichtig, die Energie wieder zu bündeln und zu kooperieren.

Deutlich wurde auf der Veranstaltung auch: Der vom Gesetzgeber angekündigte agile Gesetzgebungsprozess ist Chance und Herausforderung zugleich, denn Einzelaspekte des Gesetzentwurfes und der zu erwartenden Verordnung werfen noch offene Fragen auf. Der konstruktive Umgang mit diesen, die unweigerlich zu einem iterativen Prozess gehören, muss gelernt werden: „Das ist ein Lernprozess. Das müssen wir üben. Und auch den Mut haben, das zu üben“, so Karsten Knöppler, _fbeta. Deshalb sei es jetzt an der Zeit, über das Diskutieren hinaus die nächsten Schritte zu gehen.

Was bedeutet das konkret für Startups?

Ganz in diesem Zeichen stand dann auch der Impulsvortrag von Karsten Knöppler, _fbeta, der die konkreten Herausforderungen für die Akteure erläuterte – unter Berücksichtigung der Optionen und Limitationen der Zugangswege in den ersten Gesundheitsmarkt: „Das Gesundheitswesen ist durch die Vorgaben im SGB darauf trainiert, klare Kanäle zu haben: eine Herausforderung für die Hersteller von Digital-Health-Anwendungen, die Ihre Produkte am Bedarf der Kunden und nicht am SGB ausrichten.“

Für Startups bedeute das vor allem, über die Produktidee und -konzeption hinaus Klarheit darüber zu gewinnen, welche Variante des Zugangs in die GKV die individuell beste ist: Die optimale Kombination aus Studiendesign, Zertifizierung, Nutzenbewertung und Preis ist nicht leicht zu finden. Wenn dies in der Marktzugangsstrategie frühzeitig durchdacht wird, kann der Marktzugang trotzdem schnell und sicher erfolgen.

Auch die anderen Akteure wie Krankenkassen und Leistungserbringer sind gefordert, ihre neuen Möglichkeiten und Verantwortlichkeiten vor dem Hintergrund einer agilen Gesetzgebung kontinuierlich zu prüfen und Maßnahmen zu ergreifen. Hier bedeutet es vor allem, sich nicht der Verantwortung zu entziehen, sondern für mehr Transparenz zur Qualität der Digital-Health-Anwendungen zu sorgen: Fachgesellschaften und Krankenkassen sollten sich in der Bewertung von digitalen Angeboten gemeinsam engagieren. Hier werden oft Prozesse und Rollen über die Anwendungen neu definiert – zu einer Integrierten Versorgung 4.0.

In den abschließenden Themen-Cafés diskutierten die Gäste vor allem das disruptive Potenzial, mit dem digitale Gesundheitsanwendungen die starren Strukturen und Denkweisen des Gesundheitssystems infrage stellen. Zudem kam die Frage auf, welche Anforderung an Sicherheits-, Nutzen- und Wirksamkeitsnachweise zu stellen seien. Dass aber grundsätzlich die Erstattungsfähigkeit für digitale Gesundheitsanwendungen ein wichtiges Etappenziel ist, darüber bestand breite Einigkeit. Hier besteht derzeit die Chance für die Politik, Deutschland mit angemessenen Rahmenbedingungen im internationalen Vergleich als Innovationstreiber für Digital Health zu positionieren.

Der nächste Termin in der Veranstaltungsreihe ist an Startups gerichtet, die in die GKV wollen. Anhand einer Case Study werden in dem nächsten beta_work praktisch die relevanten Transferschritte einer Digital-Health-Anwendung in den 1. Gesundheitsmarkt beispielhaft durchgearbeitet. Wer Interesse hat, bitte vormerken:

Dienstag, 19. November 2019, 16 Uhr

beta_work: „DiGA: Welche Variante des Zugangs ist die beste?
Transfer von digitalen Gesundheitsanwendungen in den 1. Gesundheitsmarkt – Case Study“

Anmeldung auf Eventbrite

Quelle: fbeta

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