So verändert Frauenpower die Digitalisierung im Gesundheitswesen

Frauen an die Macht:

Sie sind die Halbgötter in Weiß. Sie übernehmen Verantwortung für Menschenleben, bemühen sich mit ausreichend Zeit um ihre Patienten und stellen dabei deren Wohlergehen über ihr eigenes: Arzt zu sein ist viel mehr als ein Beruf, es war eine Lebenseinstellung. Im Laufe der Jahre ist es jedoch immer schwieriger geworden, dem Dasein als „Halbgott“ gerecht zu werden. So ist einerseits der Druck auf die Mediziner gewachsen, sie sollen bei der Flut an wissenschaftlichen Publikationen alles wissen und noch mehr Zeit für ihre Patienten mitbringen. Andererseits ist aber auch der Wunsch nach mehr Work-Life-Balance stärker geworden. Vor allem Ärztinnen fordern Veränderungen im Gesundheitswesen und treiben digitale Innovationen voran, die sie Arbeit und Familie unter einen Hut bringen lassen. Digitale Lösungen für das Gesundheitswesen, wie beispielsweise die Videosprechstunde, bieten einen Ausweg aus dem Zwiespalt, dem Ärzte heute ausgesetzt sind.

Der Arztberuf im Wandel: Mediziner unter Druck

„Eine große Verantwortung hatten Ärzte immer schon zu tragen. Doch vor allem der Druck und die Arbeitsbelastung bei Ärzten haben zugenommen. Wenig Zeit für umfangreiche Sprechstunden, längere Wartezeiten für Patienten und Überstunden für Mediziner sind die Folge“, so Jennifer Kelly, Gründerin von Minxli, dem Technologieunternehmen für digitale Gesundheitslösungen. Laut einer Statistik der Bundesärztekammer steigt der medizinische Versorgungsbedarf überproportional zur Zahl der Ärzte. Zwar wächst die Zahl der Ärzte stetig (um 11 Prozent in den Jahren 2005-2015, siehe hier), demgegenüber nehmen dennoch die Behandlungsfälle um das 2,5-fache zu (um 27 Prozent in den Jahren 2005-2015, siehe hier). Der demografische Wandel und auch ein zunehmender Selbstoptimierungs-Trend sorgen für einen erhöhten Bedarf an Gesundheitsleistungen. Die Zahl der älteren Menschen, die einen erhöhten Versorgungsbedarf haben, steigt. Chronische Krankheiten, die regelmäßige Versorgung und Arztbesuche notwendig machen, nehmen zu – wie zum Beispiel Diabetes. Zudem „ergoogeln“ sich viele Patienten nun selbst ihr Know-how im Ernährungs- und Gesundheitsbereich, was dazu führt, dass sich Ärzte in mehreren Bereichen einen Wissensvorsprung verschaffen müssen. Ärzte und Gesundheitsexperten sind damit gefragter denn je.

Jennifer Kelly_CEO Minxli_c_MinxliDie Medizin wird weiblich – Frauen treiben digitale Innovationen

Mehr Frauen für den Arzt-Beruf zu begeistern: Das ist einer der Ansätze, um grundsätzlich dem wachsenden Versorgungsbedarf entgegenzukommen. Heute sind fast 70 Prozent der Studierenden an medizinischen Fakultäten und 40 Prozent der berufstätigen Mediziner weiblich. Was bedeutet es, wenn die Medizin weiblicher wird?

Ärztinnen nehmen sich zum Beispiel mehr Zeit für ihre Patienten: Nach Analysen des Zentralinstitutes für Kassenärztliche Versorgung leisten sich Medizinerinnen über alle Fachgruppen hinweg im Durchschnitt 38,3 Minuten pro Patientin oder Patient Zeit, die männlichen Kollegen 31,1 Minuten. Eine weitere Studie aus den USA, die im Februar 2017 veröffentlicht wurde, hat sogar ergeben, dass Ärztinnen erfolgreicher sind: Patienten, die von Frauen behandelt wurden, verzeichneten eine signifikant niedrigere Sterblichkeitsrate (11,07 Prozent statt 11,49 Prozent bei den Ärzten) sowie eine niedrigere Wahrscheinlichkeit zur wiederholten Behandlung (15,02 Prozent statt 15,57 Prozent).

Gleichzeitig wird in Studien ermittelt, dass Frauen in der Medizin andere Prioritäten setzen als Männer. Zwar hat der Wunsch nach einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf bei Jungmedizinern grundsätzlich an Bedeutung gewonnen. Frauen geben dem jedoch eine noch stärkere Priorität: Während für 27 Prozent der Ärztinnen eine Reduzierung der Arbeitszeit am wichtigsten ist, priorisieren nur 19 Prozent der Ärzte „mehr Zeit“ statt „mehr Geld“. So halten 35 Prozent der Männer, aber nur 30 Prozent der Frauen eine höhere Vergütung für vordringlich.

Ein extrinsischer Druck bei den Medizinern einerseits, durch beispielsweise hohe Arbeitsbelastung und zusätzliche Weiterbildungen, und das intrinsische Bedürfnis zu mehr Work-Life-Balance andererseits führen schließlich dazu, dass vor allem Ärztinnen oft unzufrieden sind in ihrem Beruf. Eine Studie der amerikanischen Publikation Medscape hat zum Beispiel herausgefunden, dass 51 Prozent der weiblichen, dagegen 43 Prozent der männlichen Ärzte von Burnout berichten. Aus dieser Unzufriedenheit heraus entsteht vor allem bei Ärztinnen eine starke Motivation, das bestehende Gesundheitssystem zu optimieren. Sie sind es auch, die gern neue, digitale Lösungen ausprobieren. Denn sie brauchen mehr Flexibilität und neue Arbeitszeit-Modelle, um Familie und Beruf besser unter einen Hut zu bekommen. Die AMA, American Medical Association, hat als größte Standesvertretung von Ärzten und Medizinstudenten in den USA die Gründe für digitale Lösungen im Gesundheitswesen ermittelt, welche vor allem von Ärztinnen angeführt werden:

  1. Sie helfen, Burn-out beim Arzt zu reduzieren.
  2. Sie verbessern das Arzt-Patienten-Verhältnis.
  3. Sie stärken die Bindung des Patienten an den Arzt und unterstützen eine langfristige Perspektive bei der Behandlung.
  4. Sie sorgen für mehr Lebensqualität bei den Patienten.

Die Videosprechstunde: Patienten-Arzt-Kommunikation „goes digital“

Ähnliche Gründe haben auch Jennifer Kelly dazu angetrieben, nach neuen Lösungen im Gesundheitsbereich zu suchen. Sie ist die Gründerin von Minxli, einem Technologieunternehmen, das digitale Services für Ärzte entwickelt. Die gleichnamige Videosprechstunden-App verbindet Patienten, Ärzte und zertifizierte Gesundheitsexperten für sicheres und einfaches Kommunizieren. Jennifer Kelly will damit ein Umdenken bei der Gesundheitsversorgung erreichen – und so eine bessere Behandlung der Patienten gewährleisten. Die Videosprechstunde via App ermöglicht Ärzten mehr Flexibilität, aber gleichzeitig mehr Zeit für ihre Patienten. „Videosprechstunden setzen dort an, wo das bisherige System Lücken aufzeigt, und ergänzen das bestehende Angebot. Die Telemedizin verfolgt einen komplett neuen Behandlungsansatz für eine bessere gesundheitliche Versorgung“, so Jennifer Kelly und ergänzt: „Ärzte können ihre Zeit dank Digitalisierung effizienter nutzen und sich gleichzeitig in ihrer Berufung weiterentwickeln. Sie können sich auf das Wesentliche, nämlich das Wohl ihrer Patienten, konzentrieren und profitieren trotzdem von einer besseren Work-Life-Balance. Arbeitszeiten werden flexibler gestaltet und auch der Arbeitsort muss nicht immer die Praxis sein.“ Die Minxli App bietet zudem den Vorteil, dass sich die Gesundheitsexperten in einem Konsil mit Kollegen austauschen und gegenseitig beraten können. Damit können Mediziner auch dem steigenden Druck in Sachen Wissenserweiterung in verschiedenen Bereichen standhalten.

Text und Fotos: Minxli/Fotolia Goodluz Stockete

 

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