Inge Missmahl von Ipso im Interview: Etablierte psychosoziale Beratung zukünftig auch für Flüchtlinge in Deutschland

Ipso-Gründerin Inge Missmahl

Ipso-Gründerin Inge Missmahl

2008 gründete die Psychoanalytikerin Inge Missmahl die gemeinnützige humanitäre Organisation Ipso (International psychosocial organisation) mit Sitz in Konstanz. Entwickelt hat sich in den vergangenen Jahren ein etabliertes und auf seine Wirksamkeit getestetes Konzept zur psychosozialen Beratung destabilisierter und entwurzelter Menschen. Dieses Konzept, das Ipso im Auftrag des Auswärtigen Amtes und der EU vorwiegend in Afghanistan verwirklicht, soll nun auch in Deutschland dabei helfen, die Flüchlingsproblematik zu bewältigen. Dazu erhält Ipso im Rahmen der Google Impact Challenge mindestens 250.000 € Unterstützung.

Ipso will unter den Flüchtlingen derzeit Menschen mit medizinischem, psychologischem oder sozialpädagogischem Hintergrund oder entsprechender Berufserfahrung sowie guten Deutsch- oder Englisch-Kenntnissen identifizieren. Diese sollen dann in einem insgesamt einjährigen Ausbildungsprozess psychosoziale Berater werden. Denn dass Berater mit der selben Muttersprache und dem selben kulturellen Hintergrund einen besseren Zugang zu den oft traumatisierten Klienten haben, liegt auf der Hand. Aber wie stellt Ipso sicher, dass diese Beratung anschließend auch funktioniert?

Inge Missmahl: „Die Ausbildung der Berater sowie die zugehörige Supervision spielen eine wesentliche Rolle, und das Beratungsangebot kann nicht ohne die zugehörige Qualitätssicherung betrachtet werden: Um der kulturellen Komponente gerecht zu werden, müssen die Berater die zugehörigen Herausforderungen verstanden haben. Am Ende eines Beratungsgesprächs werden Klient und Berater außerdem mit identischen Fragen konfrontiert: Weichen die Antworten stark voneinander ab, warnt uns ein Ampelsystem, und wir können Kontakt zum Berater aufnehmen. Statt einer den Klienten beurteilenden Betrachtungsweise nimmt der Berater einen Perspektivwechsel vor, um gemeinsam mit dem Klienten seine Situation aus der persönlichen sowie sozialen Perspektive heraus zu verstehen um anschließend gemeinsam mit dem Klienten nach Lösungsansätzen zu suchen.“

Ipso nutzt Patientus-Technologie für Video-Beratungen

Die Beratungsgespräche von Ipso finden nicht nur persönlich, sondern über Ipso e-care auch per Online-Videokonsultation statt. Dazu kooperiert die Organisation mit dem Lübecker Startup Patientus, welches die entsprechende Technologie ursprünglich für ärztliche Video-Sprechstunden entwickelt hat und einsetzt.

Inge Missmahl: „Wir haben über ein Jahr intensiv weltweit nach dem richtigen Software-Partner gesucht. Dabei haben vor allem auch Aspekte wie Daten- und Abhörsicherheit eine wichtige Rolle gespielt. Mit Patientus sind wir uns sehr schnell einig geworden.“

Ipso e-care – psychosoziale Onlineberatung für traumatisierte Menschen im Einsatz

Ipso e-care – psychosoziale Onlineberatung für traumatisierte Menschen im Einsatz

Im praktischen Einsatz überzeugt das Medium Video-Konsultation aus Sicht von Inge Missmahl auch durch positive Nebeneffekte:

„Wir bemerken, dass Menschen sich rascher öffnen. Die Sitzungen sind außerdem etwas kürzer geworden, da im Video-Gespräch die Konzentration der Gesprächsteilnehmer höher ist. Vielleicht macht es auch etwas aus, dass der Gesprächspartner das Video-Telefonat jederzeit per Knopfdruck beenden kann – somit ist es noch mehr ein Gespräch auf Augenhöhe, als das sich unser Beratungsansatz auch versteht.“

Soziales Wirkungsmodell mit weltweitem Potenzial

Mit der Übertragung eines etablierten Beratungsmodells nach Deutschland zeigt Ipso, wie skalierbar dieses Modell weltweit ist. Dass Missmahl mit Ipso noch Großes vorhat, versteht sich daher fast von selbst:

„Wir haben mit Ipso e-care auf technischer Seite einen gut funktionierenden Prototypen und außerdem einen hervorragend funktionierenden Beratungsansatz. Unsere Vision ist, dass jeder, der es braucht, auf eine entsprechende psychosoziale Beratung in eigener Sprache und identischem kulturellen Hintergrund zurückgreifen können soll. Dazu müssen wir unsere Organisation nachhaltig weiterentwickeln – das tun wir nun zunächst in Deutschland für Menschen mit Migrationshintergrund und Asylsuchende. Doch auch in anderen Ländern wird unser Beratungsangebot dringend benötigt: in Syrien, dem Irak, der Türkei, Jordanien oder dem Libanon.“

Jetzt unterstützen: Ipso e-care unter Finalisten der Google Impact Challenge

Im Rahmen der Google Impact Challenge Deutschland wurde Ipso e-care zu einem von zehn Leuchtturm-Projekten gekürt und erhält damit eine Unterstützung in Höhe von mindestens 250.000 €. Mit eurer Stimme kann sich diese Summe noch einmal verdoppeln!


Schau dir Ipso genauer an: ipsocontext.org | ipso-ecare.com | Facebook

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Johannes Bittner

Johannes Bittner

Johannes ist Arzt und Sozialunternehmer. Durch die Gründung der Übersetzungsplattform für medizinische Befunde washabich.de hat er seine Liebe für Healthcare Startups entdeckt. Seine Vision ist die effiziente Fusion von konventionellem Gesundheitswesen und Digital Health.

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2 Kommentare

  1. edith von Thüngen sagt:

    Gibt es diesen Artikel von Inge Missmahl auch in arabischer Sprache? Ich kenne einen Syrer, der sich eventuell für eine Ausbildung interessiert.

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