Disruptive Startups – die Rettung für unser Gesundheitswesen?

Disruptive Startups

Wir profitieren in Deutschland von einem leistungsfähigen und hochmodernen Gesundheitswesen. Und es bahnt sich Veränderung an: Denn Startups erobern mit innovativen und teils revolutionären Ideen den Gesundheitsmarkt, und entdecken Hebel zur Effizienzsteigerung, an die bisher niemand gedacht hat. Damit konventionelles Gesundheitswesen und neue Innovationen nicht weiter in Parallelwelten verharren, sondern in Synergie für eine bessere Gesundheit des Einzelnen sorgen, müssen wir vieles verändern. Davon handelt dieser Meinungsbeitrag.

Wie modern denken wir wirklich im Gesundheitswesen?

Es tut sich was im Gesundheitssystem – alle reden von notwendiger Veränderung. Aber an welchen Schrauben müssen wir eigentlich drehen, wo drückt der Schuh? Denken wir einmal aus Sicht des Patienten: Wer gesund ist, macht sich um seine Gesundheit oft nicht allzu viele Gedanken. Es sei denn, er wird durch Runtastic & co. daran erinnert, sich genug zu bewegen und gesund zu ernähren. Wer jedoch krank ist, verschiebt diesen Fokus rasch – plötzlich geht es um andere Fragen mit oft sehr greifbaren Antworten: Wie, wann und wo bekomme ich meinen nächsten Arzttermin? Welche Medikamente muss ich einnehmen, damit ich möglichst schnell oder überhaupt wieder gesund werde? Ist eine Operation wirklich notwendig?

Man könnte also meinen – eine pauschale Betrachtung dieser Situation vorausgesetzt –, dass sich zahlreiche Startups mit gesunden Menschen auseinandersetzen, und für unsere Patienten dann doch das konventionelle Gesundheitssystem mit Ärzten, Kliniken und Krankenkassen verantwortlich ist. Viele Startups (BetterDoc, MEDIGO) und Gesundheitsprojekte (Weisse Liste der Bertelsmann Stiftung) bewegen sich allerdings auch an der Schnittstelle dieser Welten und helfen Patienten dabei, in der richtigen Situation den richtigen Arzt oder die richtige Klinik zu finden.

Wir haben in Deutschland gute Präventionskonzepte, eine gute Gesundheitsaufklärung und in wenigen dieser Bereiche sogar schon den Durchbruch geschafft: Jeder weiß beispielsweise, dass Rauchen ungesund ist (ob jemand sich deswegen für oder gegen die Zigarette entscheidet, muss er selbst wissen). Natürlich besteht auch hier noch viel Handlungsbedarf: Die Gesundheitskompetenz der Deutschen liegt tatsächlich unter dem EU-Durchschnitt (siehe WIdO-Monitor 2014).

Moderne Konzepte haben es meiner Meinung nach in unserem Gesundheitssystem aber genau dann schwer, wenn es um die direkte Patientenversorgung geht. Dort steht – und das wird sich wohl so schnell nicht ändern – der direkte Kontakt zwischen Arzt und Patient im Mittelpunkt. Das ist gut und wichtig, denn wir vergessen oft, dass das direkte Gespräch mit dem Patienten dessen Gesundheit positiv beeinflussen kann, und dass Patienten auf den direkten Arztkontakt auch nicht verzichten wollen. Dennoch müssen wir uns fragen: Ist das „Rundherum“ noch zeitgemäß? Sind Patientenakten auf Karteikarten (ja, es gibt sie noch), das handschriftliche Ausfüllen von Anamnesebögen durch Patienten und nicht-zentrale Medikamentenpläne noch vertretbar? Von einer flächendeckenden elektronischen Gesundheitsakte, wie sie unter anderem die Stiftung Münch fordert, ganz zu schweigen.

Disruptive Startups – von wem können wir lernen?

Wenn wir von disruptiven Technologien und Konzepten sprechen, denken wir oft an marktzerstörerische und revolutionäre Dinge. Das klingt, als müsse man sich dagegen verteidigen. Das sollten wir nicht tun, denn Startups im Gesundheitswesen haben gegenüber den konventionellen Strukturen einen riesigen Vorteil: Sie können etwas riskieren. Risiko, wenn es um das Wohlbefinden des Menschen geht? Ist das denn vertretbar? Eigentlich eine rhetorische Frage, denn Risiko ist Voraussetzung für eine zeitgemäße Weiterentwicklung, und die wiederum brauchen wir, um Patienten besser versorgen zu können. Fragen wir einmal einen Patienten, der am Ende der Therapiekette angekommen ist, ob er das Risiko eingehen will, im Rahmen einer Studie ein neues Medikament auszuprobieren. Das meine ich.

Dennoch müssen Healthcare Startups eine wichtige Eigenschaft in überdurchschnittlichem Maße mitbringen: Verantwortungsbewusstsein. Denn wer neue Konzepte ausprobiert (wie zum Beispiel CARDIOGO – hier bedient der Patient sein EKG-Gerät selbst), hat Verantwortung für seine Nutzer bzw. Patienten.

Markus Bönig von vitabook hat bereits Technologien, die sich viele wünschen: den zentralen Medikamentenplan mit Zugriff für Patienten, Apotheken und Ärzte oder auch das elektronisches Gesundheitskonto mit Datenfreigabe für Mediziner. Warum tut er sich dennoch schwer, sein Konzept durchzusetzen? Es würde doch die Effizienz und Qualität der Patientenversorgung deutlich steigern.

Ein anderes Beispiel ist Patientus: Das norddeutsche Startup ermöglicht Videogespräche zwischen Arzt und Patient. Könnte damit nicht die Patientenversorgung gerade in ländlichen Gebieten deutlich verbessert werden? Gerade chronisch Kranke, die für den Kontrolltermin nicht jedes Mal in die Arztpraxis fahren müssten, würden enorm profitieren.

Wer muss was tun, damit unser Gesundheitssystem effizienter wird?

Zunächst einmal müssen sich alle an einen Tisch setzen. Denn wir laufen Gefahr, dass konventionelles Gesundheitswesen und digitale Technologien weiter und in zunehmendem Maße nebeneinander koexistieren. Das verhindert nicht nur sinnvolle Synergien, sondern verunsichert vorwiegend die Menschen, um die es in diesem System in erster Linie geht: Patienten.

Im nächsten Schritt, aber nicht weniger dringlich, müssen wir lernen umzudenken: Startups versuchen, Winkel und Handlungsspielräume so weit es geht auszunutzen, um Innovationen durchzusetzen – statt mit Ärzteschaft, Politik und Krankenkassen darüber zu sprechen, welche Spielräume notwendig wären, um bestmöglich agieren zu können. Ärzte versuchen, ihre Stellung und Reputation – aus Existenzangst? – zu verteidigen, und halten deshalb an alten Mustern fest. Sie müssen wir fragen, was ihnen denn helfen würde, um die Versorgung ihrer Patienten zu optimieren.

Die Zusammenführung moderner Innovationen und konventioneller System wird eine große Herausforderung. Aber wir müssen sie annehmen, damit unser Gesundheitssystem das bleibt, was es ist: leistungsfähig, hochmodern, und vor allem fokussiert auf den Patienten.

Ich freue mich über kritische Kommentare und Meinungen dazu, wie wir unser Gesundheitswesen besser gestalten können!

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Johannes Bittner

Johannes Bittner

Johannes ist Arzt und Sozialunternehmer. Durch die Gründung der Übersetzungsplattform für medizinische Befunde washabich.de hat er seine Liebe für Healthcare Startups entdeckt. Seine Vision ist die effiziente Fusion von konventionellem Gesundheitswesen und Digital Health.

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3 Kommentare

  1. Valerio Neri sagt:

    Vielleicht müssen „wir“ Patienten anfangen, den Druck auf Ärzte, Krankenhäuser und Kassen zu erhöhen, indem wir mit diesen neuen Tools unsere Gesundheit managen. Ich hätte z.B. der kein Problem meine medizinische, anonymisierte Daten für eine evidentbasierte/musterbasierende Nutzung à la IBM Watson zur Verfügung zu stellen. Und meine asymmetrisch verschlüsselten Daten in der „Cloud“ zu halten.

    • Ein guter Ansatz, vielen Dank für den Kommentar! Ich denke auch, dass viele Patienten bereit wären, ihre Daten in der Cloud zu halten, wenn entsprechende Sicherheitsprinzipien eingehalten werden. Unterschätzen sollten wir auch nicht, dass der Komfortgewinn sowie der Qualitätszuwachs in der Versorgung auf Patientenseite enorm wäre.

  2. Valentin sagt:

    Ein sehr ansprechender Text, auch (noch) drei Monate nach der Publikation. Interessant wäre es herauszufinden, wie gewillt die kommende Generation von Ärzten ist, Ihre Kompetenz den Toren der Digitalisierung zu öffnen.
    Die empfundenen Bedrohung kann ich zwar nachvollziehen, allerdings bin ich der Ansicht, dass eine Prognose durch eine künstliche Intelligenz zumindest in den nächsten Jahrzehnten nicht den Stellenwert einer Entscheidung eines Arztes erreichen wird.

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