Die elektronische Gesundheitsakte für alle: in Dänemark Realität

Der Traum von einem Onlineportal, welches jedem Bürger Zugriff auf seine Behandlungsdaten und seine persönlichen Gesundheitsinformationen bietet und dazu noch vertrauenswürdige Gesundheitsinformationen bereitstellt: Dänemark hat ihn mit www.sundhed.dk realisiert. Wenn wir eine E-Health-Nation werden möchten, sollten wir uns solche Vorreiter-Systeme genauer anschauen – und von ihnen lernen, wo es nur geht.

Hintergrund

Wir haben in Deutschland ein hervorragendes Gesundheitsystem mit gut ausgebildetem Personal und modernst ausgestatteten Kliniken – jeder Bürger erhält bei Bedarf eine optimale Versorgung. Dieses System ist – gerade aufgrund seiner Qualität – sehr Ressourcen-intensiv, sowohl in finanzieller wie auch in personeller Hinsicht. Wenn wir diesen Standard halten wollen, benötigen wir mehr Effizienz: in Arbeitsabläufen, Einbeziehung der Patienten und vor allem in der Kommunikation zwischen Ärzten, Patienten und Therapeuten.

Ein Beispiel: Wird ein Patient in eine Klinik eingewiesen, erfragt der aufnehmende Arzt dessen Krankengeschichte, fordert seine Krankenunterlagen (oft per Fax) beim Hausarzt an, ermittelt Laborwerte. Die eingehenden Informationen werden häufig analog erfasst, diktiert, digitalisiert, sortiert. Wäre es nicht wunderbar, wenn der Arzt stattdessen bei Patientenaufnahme alle Unterlagen digital abrufen könnte – inklusive der aktuellsten Laborwerte und des Medikamentenplans? Und wäre es nicht schon fast spektakulär, wenn auch der Patient nach Entlassung seine Gesundheits- und Behandlungsdaten online einsehen könnte? Genau das passiert in Dänemark.

So funktioniert’s

Auf sundhed.dk geht es um den gesamten Gesundheitszirkel: von der Vorsorge über Diagnose, Behandlung, Nachsorge bis hin zur Rehabilitation. Das Onlineportal bietet sowohl niedergelassenen Ärzten als auch Kliniken und vor allem Patienten Zugriff auf allgemeine Gesundheitsinformationen sowie patientenbezogene Behandlungsdaten. IBM zufolge, die das System entwickelt haben, läuft bis zu 80 Prozent der Gesundheitskommunikation darüber.

Für die dänischen Bürger bietet das Gesundheitsportal wichtige und umfangreiche Funktionen:

Austausch mit niedergelassenen Ärzten

  • Arztsuche
  • Kommunikation mit der Arztpraxis: Terminabsprache, Rezepterneuerung, Beratung
  • Informationen zur Gesundheitsvorsorge

Medizinische Informationen und Behandlungsinformationen

  • Wartelisteninformationen von Krankenhäusern
  • Informationen zur Gesetzgebung
  • Zugriff auf ein Medizinisches Patientenhandbuch
  • Austausch mit anderen Patienten

Personenbezogene Gesundheitsdaten

  • Zugriff auf die elektronische Patientenakte aus Kliniken
  • Überblick über die erfassten medizinischen Daten seit 1977 (z. B. Krankenhausaufenthalte)
  • Onlineregistrierung zur Organspende
  • Online-Patientenverfügung
  • Logbuch, um nachzuvollziehen, welcher Mediziner die eigenen Daten eingesehen hat

Ähnlich gestaltet sich auch der Funktionsumfang des Portals für medizinisches Personal – entsprechend aus dem entgegengesetzten Blickwinkel. Damit besticht das System durch enorme Effizienz und Transparenz, die allerdings auch entsprechende Missbrauchsrisiken birgt.

Geht das auch in Deutschland?

Ein identisches System wie sundhed.dk auf die 15-fache Bevölkerungsmenge zu übertragen, ist sicher zum jetzigen Zeitpunkt nicht realistisch. Viel zu groß sind in Deutschland die Vorbehalte gegen Transparenz und Datenspeicherung in diesem Umfang. Allerdings werden wir, um unser Gesundheitssystem auf dem gleichen Level halten zu können, tiefgreifende Veränderungen vornehmen müssen – und hier bietet die IT nunmal das mit Abstand größte Potenzial.

Es stellt sich die Frage, ob man sich von sundhed.dk nicht zunächst Teilansätze, die auch in geringer regionaler Streuung funktionieren, abschauen kann. Das könnte zum Beispiel die Klinik sein, deren IT-System Patienten auf Wunsch nach Entlassung Zugriff auf Laborwerte und Behandlungsdokumente gibt. Oder das Patientennetzwerk, in dem jeder Patient seine Gesundheitsdaten in einer elektronischen Gesundheitsakte kumuliert und bei Bedarf einem Arzt Zugriff darauf gewährt.

Die Möglichkeiten, unser Gesundheitssystem durch intelligente Digitalisierung zu verbessern, sind unerschöpflich. Hoffen wir auf kluge Köpfe, die mit innovativen Ideen die ersten Schritte gehen.

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Johannes Bittner

Johannes Bittner

Johannes ist Arzt und Sozialunternehmer. Durch die Gründung der Übersetzungsplattform für medizinische Befunde washabich.de hat er seine Liebe für Healthcare Startups entdeckt. Seine Vision ist die effiziente Fusion von konventionellem Gesundheitswesen und Digital Health.

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